Am 10. September 2022 durfte ich den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar entgegennehmen. In meiner Dankesrede sprach ich über das Wechselspiel von Phantastik und Realität, darüber, wie unsere persönlichen Blickwinkel unsere Wahrnehmung prägen – und verknüpft damit über die Darstellung indigener Figuren in der Fiktion. 

Eine goldene Kalligraphiefeder liegt auf einer historischen Landkarte. Im Hintergrund ist ein dunkles Tintenglas zu erkennen.Einstieg: Der Traum von der Preisverleihung

Ich habe von diesem Moment geträumt. Allerdings nicht so, wie Sie jetzt vielleicht denken. Ich meine wortwörtlich geträumt, und es war einer dieser chaotischen Träume, in denen nichts läuft wie geplant. Diese Veranstaltung fand in einer verlassenen Schule statt, es war kaum jemand da und ich stand natürlich völlig unvorbereitet hier vorne. Immerhin hatte ich eine Hose an, das ist nicht selbstverständlich für solche Träume. Und alles, was ich als Rede improvisieren konnte, war folgender Satz: »Peru ist ein großes Land.«

Jetzt wissen Sie Bescheid.
Und können sich vorstellen, dass ich ziemlich erleichtert bin, wie im Vergleich zu diesem Chaostraum die Realität aussieht. Mal abgesehen davon, dass ich immer noch eine Hose trage. Aber ich bin sogar vorbereitet – um ein bisschen über Träume und Realität, Phantastisches und Wirkliches, Unsichtbares und Abwesendes zu sprechen.

Phantastik und Realität

Ich bin Phantastik-Autorin. Mein Handwerkszeug sind magische Unmöglichkeiten. Aber das löst meine Geschichten – und generell phantastische Geschichten – nicht völlig aus unserer Realität heraus: Denn das Phantastische funktioniert ja letztlich, weil wir es als Abgrenzung von unserer Wirklichkeit wahrnehmen. Auch dort, wo das Phantastische uns Rückzugsort von der Realität ist, bleibt diese ein Bezugspunkt – und sei es durch ihre Abwesenheit … oder vielmehr ihre Unsichtbarkeit.

Ich kann keine Phantastik erschaffen ohne das Spiel mit den Regeln und Strukturen in unserer Wirklichkeit, ohne die Brüche, Verfremdungen und Spiegelbilder derselben. Zu meinem schriftstellerischen Handwerkszeug gehört also auch das Bewusstsein dafür, wo und wie ich an die Wirklichkeit anknüpfe.

In meinem Fall gibt es noch eine weitere Ebene.

Lateinamerika – Fiktion und Realität

Ich erzähle von Lateinamerika, ich erzähle von Peru (ein großes Land übrigens). Das Andere in meinen Geschichten ist nicht nur das phantastische Andere; es ist oft auch das kulturell Andere und damit: das in der Realität Andere. (Das Andere natürlich immer nur aus unserer Perspektive.)
Die Wirklichkeit mitzudenken wird in diesem Zusammenhang komplexer. Denn ich nehme zum Teil Bezug auf Wirklichkeiten, die geschichtlich und bis in die Gegenwart hinein schmerzhaft sind, die Abwertung und Machtlosigkeit erfahren haben. Ich nehme Bezug auf Wirklichkeiten, die ohnehin schon oft durch Brüche, Verfremdungen und Spiegelbilder erzählt worden sind – aber nicht in der phantastischen Literatur, sondern in der Realität. Es sind Wirklichkeiten, die wir teilweise gar nicht wahrnehmen, weil sie im Schatten ihrer Zerrbilder stehen.

Steinmauern aus gewaltigen Quadern. Es handelt sich um die inkaische Ruine Sacsayhuamán in Cusco, Peru.Indigene Repräsentation in der Fiktion

Sie ahnen sicherlich, auf welche Wirklichkeiten, worauf ich hier unter anderem anspiele: die Darstellung indigener Figuren und Gruppen. Lateinamerikabezogen zu schreiben bedeutet, dass dieses Thema zwangsläufig eine Rolle spielt. Auch in der Phantastik. Aber auch ganz aktuell laufen ja wieder Debatten, wie wir umgehen wollen und sollen mit indigener Repräsentation in der Fiktion – oder anders: mit indigenen Wirklichkeiten und mit ihren Abbildern in der Fiktion.

Auch wenn ich aktuell den Blick in den Abgrund der Kommentarspalten kaum wage, weiß ich, dass diese Debatten oftmals sehr emotional aufgeladen sind. »Was darf man denn jetzt noch sagen und erzählen?«

Es ist im Grunde ganz einfach (und dadurch kompliziert): Man darf alles. Wir dürfen alles.
Wir sollten uns nur eben nicht der Illusion hingeben, dass die Fiktion (und zwar nicht nur die phantastische) keinerlei Berührungspunkte mit der Wirklichkeit hat.
Und wir sollten uns bewusst machen, wie diese Berührungspunkte und diese Wirklichkeiten aussehen.

Wir alle kennen indigene Figuren in der Fiktion, oftmals fest verwurzelt in der phantastischen Fiktion: Peter Pans Tiger Lilly etwa oder die zur Disney-Prinzessin romantisierte Pocahontas.
Diese Figuren verkörpern oft das faszinierend Fremde und ebenso oft unsere eigenen Sehnsüchte, weil sie so viel tapferer, naturverbundener, moralisch klarer sind als wir selbst in unserer schnöden Realität. Was soll schlecht sein an Figuren, die unsere Träume verkörpern

Ein schwarzsilberner Fotoapparat vor einem braunen Lederkoffer. Davor liegen einige Schwarz-Weiß-Fotografien.Kulturanthropologie und der Blick auf die anderen

Ich bin Phantastik-Autorin. Aber ich bin auch Kulturanthropologin und Altamerikanistin. Mein Handwerkszeug sind schmerzhafte Wirklichkeiten.
Denn im Kern geht es in der Kulturanthropologie genau darum, welche Bilder wir uns vom kulturell Anderen machen, vom vermeintlich Fremden. Die eigene Position mitzudenken und ihre Bedeutung zu verstehen ist in unserem Fach gleichermaßen allererste Grundlage wie auch größte Herausforderung.

Ich erinnere mich oft an einen Text, den ich im Studium gelesen habe und der mich sehr beeindruckt hat. Es ging um die ethnographische Forschung Edward E. Evans-Pritchards, eines britischen Ethnologen, der im 20. Jahrhundert zu verschiedenen afrikanischen Ethnien forschte. Er hat vieles auch fotografisch dokumentiert. Nun ist die Fotografie ein Medium, das eine eigene Wirklichkeit schafft, weil es sie vermeintlich ganz neutral abbildet. Durch das Objektiv sehen wir schließlich nur, was tatsächlich da ist, nicht wahr?

Jener Text untersuchte einige Fotografien, die das Alltagsleben in einer dörflichen Gemeinschaft im heutigen Sudan zeigten. Dabei schaute er nicht nur auf die dargestellten Leute und Motive, sondern auch auf Aspekte wie Blickwinkel und Bildschärfe. Und kam zu dem Schluss, dass der Ethnologe seine Kamera etwa auf Bauchhöhe gehalten und die meisten Bilder gleichsam im Vorbeigehen, unbemerkt, wahrscheinlich ungefragt geschossen haben muss. Diese Bilder zeigen uns also letztlich mehr, als sie abbilden: Sie liefern uns Anhaltspunkte über den Fotografen und seinen Bezug zu denen, die er fotografiert. Sie lassen Anspannung und Heimlichkeit erahnen, womöglich Argwohn, Ablehnung, Grenzüberschreitung. Sie sind, das dürfen wir nicht vergessen, im Kontext der britischen Kolonialherrschaft entstanden. Und natürlich bilden sie eine Realität ab – aber um diese voll zu erfassen, müssen wir genauer hinsehen.

Im übertragenen Sinne sind wir alle der Fotograf in der Fremde, der auf seinen Aufnahmen unsichtbar sein mag, aber nie völlig abwesend. Unsere Realität – und vor allem unsere Position in dieser Realität – bestimmt unsere Wahrnehmung … und auch die Geschichten, die wir erzählen.

Indigene in Lateinamerika: eine historische Perspektive

Meine Schwerpunkte liegen in Peru und dort im Andenraum. Nicht nur dort blicken wir auf die indigene Geschichte ganz ähnlich wie auf die Fotografien des britischen Ethnologen. Denn vieles, was wir gerade über die indigene Vergangenheit wissen oder zu wissen glauben, kennen wir rein durch die Linse der Erobernden. Wir haben spanische Chroniken und kolonialzeitliche Verwaltungsdokumente. Dort, wo indigene Stimmen zu Wort kommen, werden sie ins Spanische übertragen, gefiltert und gedeutet. Und auch die Auskünfte selbst stehen immer in Bezug zu den Kolonialherren, betonen vielleicht, was diese hören wollen, oder heben hervor, was für die Informanten in ihrer damaligen Situation vorteilhaft war.

Unser Blick auf die indigenen Kulturen ist historisch bedingt ein zutiefst europäischer. Wir blicken weniger auf die Realität als auf ein Bild, das sich andere gemacht haben.

Tückisch wird es dort, wo wir vergessen, wer als Schatten hinter der Kamera gestanden hat – oder dass dort jemand gestanden hat. Tückisch wird es, wenn wir aus dem Blick verlieren, wo und wie Fiktion und Realität miteinander verwoben sind. Und tückisch wird es auch, wenn wir über beides vergessen, dass wir durch unsere Linse nicht nur Phantasiegestalten betrachten und nicht nur von Vergangenem erzählen.

Ein Transparent mit der Aufschrift »Kuasachun Qosqo« – Quechua für »Es lebe Cusco«Indigene und ihre Repräsentation in der Gegenwart

Wir sprechen mindestens indirekt auch über Menschen im Hier und Jetzt, die mehr sind als die Projektionsfläche unser eigenen Sehnsüchte.
Es sind Menschen mit eigenen Sehnsüchten und Anliegen, die zugleich in vielen Fällen um ihre Anerkennung als gesellschaftliche und politische Akteur*innen kämpfen müssen und oft genug, bis heute, mit ihrem Leben dafür bezahlen.

Das sind Facetten einer Realität, die in der Fiktion, auch und vor allem in der phantastischen, womöglich unsichtbar scheinen. Aber sie sind nicht abwesend.

Ich kann niemandem sagen, wie man es denn jetzt richtig macht – das Erzählen vom Anderen. Das Darstellen indigener Figuren. Es gibt kein richtig, eben weil wir es mit Menschen zu tun haben. Sie finden sich zwar in ethnischen Gruppen und Gemeinschaften zusammen, aber das Indigene an sich ist kein unveränderlicher Block und jede einzelne Gruppierung facettenreich mit unterschiedlichen, womöglich auch widersprüchlichen Ansichten. Die Vorstellung, man könne es auf die eine Weise perfekt machen, verleugnet letztendlich genau diese Vielfalt.

Die »Kondorkinder« in alledem

Wenn ich eines sagen kann, dann, dass auch »Kondorkinder« es nicht unbedingt richtig macht. Es macht es nur so gut, wie es mir möglich war.

Es hat mich sehr berührt, dass für die Jury des Phantastikpreises die Liebe spürbar geworden ist, mit der ich die Geschichten in diesem Buch erzähle. Liebe und Respekt diesem Land gegenüber haben mich von Anfang an begleitet. Aber sie allein waren kein Garant dafür, alles richtig zu machen. Sie entbinden mich nicht von meiner erzählerischen Sorgfalt, von gründlicher Recherche und vom kritischen Hinterfragen meiner eigenen Position.

Ich glaube, das ist eine Fehlannahme, in die wir bei solchen Themen oft verfallen: dass Liebe und Respekt einem Thema gegenüber uns vor dem Fehlermachen schützen. Das ist nicht ihr Zweck. Liebe und Respekt schützen nicht vor Irrtümern. Sie können es uns aber leichter machen, dazuzulernen und neue Wege zu finden.

»Kondorkinder« ist am Ende vieles geworden: eine magische Reise durch Peru, eine Liebeserklärung an das Land in seiner Vielfalt, und eine oftmals phantastische Ausgestaltung seiner kulturellen Elemente; aber es ist eben auch eine Geschichte über das Weißsein in jenem Land und den Umgang mit den eigenen Privilegien. Es erzählt vom Dazulernen, und es ist dazulernend entstanden.

Und es ist eine Geschichte, die mich gelehrt hat: Ich bin Autorin – in meinen Werken vielleicht unsichtbar, aber nicht abwesend.

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