Schreiben ist ein einsames Geschäft. Wir Autoren sitzen tagein, tagaus in unseren schummrigen Dachkammern und schreiben an unseren Meisterwerken. Eine vertrocknende Topfpflanze ist unser einziger Gesprächspartner. Ab und an kommt natürlich noch unsere Muse vorbei und liefert Pizza … Aber Augenblick, stimmt das denn wirklich? Also, nicht das mit der Pizza, sondern der Rest?

Es ist mittlerweile schon einige Jahre her, da fragte mich ein Kollege in meinem damaligen Studentenjob nach meinen Hobbys. Ich zählte das Übliche auf ‒ meine Leidenschaft für Sprachen, fürs Lesen und natürlich fürs Schreiben. Daraufhin musterte er mich mit hochgezogenen Augenbrauen und sagte: »Keines deiner Hobbys hat also etwas mit Menschen zu tun.«

Eine Hand schreibt mit Feder auf ein Blatt Papier.Ich war damals zu verblüfft, um etwas zu erwidern. Und im Grunde habe ich auch erst später begriffen, dass jener Kollege offenbar das Klischee des einsamen Schriftstellers im Kopf hatte, der seine Bücher im stillen Kämmerlein schreibt.
Eines stimmt schon: Der Schreibprozess selbst ist nicht sonderlich sozial. Ich hasse es, dabei gestört zu werden. Meist stelle ich während meiner Schreibzeit sogar mein Telefon auf stumm. Manche Autorenkollegen bringen Warnschilder an ihrer Arbeitszimmertür an. Aber, und das ist der Knackpunkt: Der Schreibprozess selbst ist in der Regel ein erstaunlich kleiner Teil des Autorenlebens.

Austausch mit anderen begleitet den Schreibprozess

Von der ersten Idee bis zu dem Moment, in dem ich mit einem neuen Roman anfange, vergeht in der Regel einige Zeit. Die Idee muss sozusagen erst einmal wurzeln, keimen und wachsen. Oft steht noch Recherche an, und ich gehöre auch zu den Autoren, die vor dem Startschuss möglichst detailliert plotten, damit sie später beim Schreiben auch möglichst viel über den Haufen werfen können. Aber auch wenn ich natürlich auch in dieser Phase vieles für mich allein erarbeite, ist hier doch eine Sache besonders wichtig: der Austausch mit anderen.

Gerade, weil ich beim Schreiben selbst doch größtenteils mit mir allein bin, gibt es für mich wenig Kostbareres, als mit anderen über meine Ideen zu sprechen. Vor allem dann, wenn ich in der Planung feststecke, eine Figur nicht recht zu greifen bekomme oder sich irgendetwas unrund anfühlt. Wenn es ein Problem gibt, fällt der Groschen manchmal schon beim Erzählen ‒ denn dieses Erzählen zwingt mich, aus meiner Betriebsblindheit herauszuklettern. Ich muss auf Distanz zu meiner Idee gehen, um sie für jemanden verständlich zu machen, der noch nie von ihr gehört hat. Allein diese Distanz bringt oft schon einen neuen Blickwinkel, und wo das noch nicht reicht, kommt der Gesprächspartner ins Spiel.

Neue Perspektiven, neue Ideen

Eine Kamera mit dem Spiegelbild eines Schwans auf der LinseDenn der betrachtet meine Idee aus seinem ganz eigenen Blickwinkel und sieht möglicherweise Lösungsansätze, auf die ich noch nicht gekommen bin. Oder Logiklöcher. Im Gespräch über Ideen stellen die anderen oft genau die richtigen Fragen. (»Warum lässt der Bösewicht den Helden eigentlich einsperren, wenn er ihn auch einfach umbringen könnte?« ‒ »Na ja, weil der Schatz des Helden ihn doch retten kommen soll!« ‒ »Ja, das willst du, aber will das auch der Bösewicht?« ‒ »Nein, der … Oh.«)

Dabei hilft eben nicht nur die Distanz zur Idee, sondern häufig auch der persönliche Hintergrund. Denn der bestimmt mit, worauf wir achten und nach welchen Kriterien wir etwas beurteilen. Ein Beispiel: Ich ging mit einer Freundin ins Kino. Sie studierte Psychologie, ich schrieb Geschichten. Als wir uns hinterher über den Film austauschten, gab es da eine Szene, über die sie den Kopf schüttelte, weil sie das Verhalten der Figuren aus psychologischer Sicht nicht schlüssig fand. Ich hingegen hatte die Szene vor allem mit Autorenblick gesehen und ganz anders beurteilt. Dramaturgisch war sie nämlich unverzichtbar und passte sehr gut in die Handlung.

Eine Glühbirne voller RegenbogenfarbenDeswegen ist es so spannend, sich mit Leuten unterschiedlicher Hintergründe über Ideen auszutauschen. Es geht da längst nicht nur um deren Ausbildung, sondern auch um die persönlichen Interessen und Erfahrungswelten. Die können zu hilfreichen Impulsen für die Recherche und zur Korrektur sachlich falscher Plotannahmen führen (»Also, ich war letztes Jahr zum Sommerurlaub in Mos Eisley und da gibt es ziemlich sicher keinen Kanuverein«). Mitunter ist es darum auch gleichgültig, ob der Gesprächspartner selbst Autor ist oder nicht. Das mag gerade im Hinblick auf Dramaturgie, Perspektive oder Genrekonventionen oft hilfreich sein. Wo es aber rein um den Inhalt geht, ist schreibhandwerkliches Wissen nicht unbedingt nötig.

Ideenentwicklung: Brainstorming kann hilfreich sein

Mit anderen Leuten über Ideen und Plots zu sprechen, ist für mich ein so grundsätzlicher Bestandteil meines Schreiballtags, dass der sich alles ander als einsam anfühlt. Ich kann jedenfalls nicht mehr zählen, wie oft solche Gespräche und Brainstormings mir Plotlöcher offenbart und gestopft haben, mir halfen, den Finger auf einen wunden Punkt zu legen, ein tolles Setting zu entwickeln, Handlungsoptionen für meine Figuren zu offenbaren oder das gewisse Etwas herauszuarbeiten, das vielleicht noch fehlte. Und zu guter Letzt führen Gespräche mit anderen auch gerne zu ganz frischen Ideen.

Schreiben findet nicht immer inmitten von Menschen statt. Aber letztlich ist Schreiben Geschichtenerzählen, und worum geht es da sonst, wenn nicht um Menschen? Inspiration wiederum hat viele Gesichter. Nicht immer, und nicht für jeden ist das Gespräch mit anderen der Königsweg. Ich mag es jedenfalls nicht missen. Zumindest habe ich das erst gestern wieder zu meiner Topfpflanze gesagt.

Und ihr? Wie handhabt ihr es? Wenn ihr selbst schreibt, mit wem sprecht ihr über eure Ideen? Und wer spricht mit euch über seine?

 

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Bilder:
Free-Photos| andreas160578 | pixel2013 | motihada | Pixabay

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