Vergangenen Donnerstag – am 28. Juli – war der peruanische Nationalfeiertag. Für mich als Autorin der perfekte Tag, um allerlei Aktionen rund um meine in Peru spielenden Bücher anzustoßen, allen voran natürlich »Kondorkinder«. Ein Twitter-Thread mit unterhaltsamen Fun Facts zu Peru, eine Schnitzeljagd durch meine Instagram-Storys, um ein Rezept für Pisco Sour – den peruanischen Cocktail schlechthin – zu entschlüsseln, ein elaboriertes Welche »Kondorkinder«-Figur bist du?-Quiz und natürlich eine Buchverlosung.
Wenn ihr von alledem nichts mitbekommen habt, braucht ihr euch nicht zu wundern. All das hat lediglich in einem Paralleluniversum stattgefunden, in dem ich organisierter und proaktiver bin als in diesem.

Blick auf Mauern aus gewaltigen Steinquadern vor blassblauem Himmel.

Erdbebensicher erbaut: die Inkafestung Saqsayhuamán in Cusco.

Vergangenen Donnerstag war also der peruanische Nationalfeiertag, und ich machte rein gar nichts.
Am vergangenen Freitag schrie ich.
Markerschütternd. Zweimal.
Es tut mir leid, liebe Nachbar*innen; ich wusste selbst nicht, dass ich so laut sein kann. Ich bin euch aber sehr dankbar, dass ihr nicht die Polizei gerufen habt.

Was war passiert?
Ich saß in der Küche und mahlte friedlich Kaffeebohnen (leider keine peruanischen), als mein Tablet »Pling!« machte und eine Mail hereinflatterte.
Meine »Kondorkinder« haben den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar gewonnen.
Es war (und ist) eine dieser Mails, die ich seit dem Erhalt in unregelmäßigen Abständen immer wieder heraussuche und anklicke, um mich zu vergewissern, dass sie wirklich da ist. (Apropos, entschuldigt mich kurz … Ja, okay, Mail ist noch da, weiter geht’s.)

Der lange Weg der »Kondorkinder«

Ausschnitt einer historischen Landkarte von Peru. Darauf liegen (von hinten nach vorne) eine schwarze Feder, eine Kalligraphie-Feder und ein Messinganhänger in Form eines Vicuñas, ein mit Lamas verwandter Neuweltkamelide.In irgendeinem Paralleluniversum hätte ich diese Nachricht womöglich einen Tag früher bekommen, stilecht zum peruanischen Nationalfeiertag. Aber dann hätte ich auch nicht weniger laut geschrien.
Öffentlich war es noch nicht verkündet, somit musste ich mich erst einmal artig auf meine Hände setzen. Ungünstig, wenn man noch Kaffeebohnen zu mahlen hat und Unmengen an Taschentüchern aus der Box zupfen muss. Denn ja, gleich nach dem Schreien bin ich erst mal in Tränen ausgebrochen. Ich würde das gern auf meinen beklagenswerten Mangel an Kaffee zu jenem Zeitpunkt schieben, aber ganz ehrlich, es war eher emotionales Gedöns, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Und ich kann’s auch jetzt noch nicht ganz glauben. (Paralleluniversum, ne? Das hier ist eins, und eigentlich habe ich gar nicht gewonnen?)

Die »Kondorkinder« begleiten mich schon lange – und sie bedeuten mir unfassbar viel. Als ich im November 2009 anfing, die allererste Fassung zu schreiben, war das meine Feuertaufe fürs Romanschreiben – inklusive Schreibblockade, als ich igendwann nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte. Monate später hatte ich die Erleuchtung, dass man Romane auch planen kann. Mit den »Kondorkindern« habe ich im Prinzip plotten gelernt. Sie waren meine erste Erfahrung mit Figuren, die im Schreibprozess ein Eigenleben entwickeln und ihre eigene Autorin argumentativ schachmatt setzen. Ich habe an diesem Roman Überarbeiten gelernt. Und Warten.
Jene alte Fassung erschien in zwei Bänden als mein Debüt und verschwand schon bald wieder vom Buchmarkt, weil der kleine Verlag seine Pforten schloss.

Aus alt mach neu

Ein paar Jahre später gingen die »Kondorkinder« auf die Suche nach einer neuen Heimat, und nun lernte ich anhand dieses alten Projekts noch mehr – zuallererst Vertrauen und Unterstützung. Ich war nicht mehr die unbedarfte Schreiberin, die heimlich und planlos Wörter in die Tastatur hämmerte. Mittlerweile hatte ich noch andere Bücher geschrieben und veröffentlicht. Ich hatte ein Netzwerk aus Autorenfreund*innen, eine Agentur, die selbst bei diesem nischigen Herzensprojekt hinter mir stand, und plötzlich auch zwei Verlegerinnen, die erwogen, sich angemessen dramatisch um das Manuskript zu prügeln (und sich dann doch ganz friedlich einigten). Und plötzlich hatte ich auch eine neue Verlagsheimat und Verlegerin Grit begegnete diesem Buch von Anfang an mit unfassbarer Begeisterung.

Im Vordergrund ein Teller mit Kartoffelgratin und gefüllter Paprika, daneben Besteck auf einer Serviette. Im Hintergrund stehen eine Glaskaraffe und ein Glas, die mit einer rötlich-lila dunklen Flüssigkeit gefüllt sind. Noch weiter im Hintergrund ist ein weiterer Teller mit der gleichen Mahlzeit zu sehen.

Rocoto relleno, pastel de papas, chicha: Die peruanische Küche spielt nicht von ungefähr eine wichtige Nebenrolle in »Kondorkinder«.

Wenn ich geglaubt hatte, das Buch hätte mir schon mal Überarbeiten beigebracht, hatte ich mich gründlich geirrt: Das brachte es mir jetzt bei. Ich las, feilte, schrieb um, warf ganze Kapitel raus und konzipierte sie neu. Vergrub mich in Recherche für den historischen Handlungsstrang. Änderte Dinge im Plot und haderte mit anderen, die ich nicht mehr ändern konnte, heute allerdings nicht mehr unbedingt so schreiben würde.
Es ist noch einmal viel Schweiß und Arbeit in die neuen»Kondorkinder« geflossen, und ich weiß nicht mehr, wie oft ich Grit kleinlaut um einen weiteren Aufschub der Abgabefrist bitten musste, weil eben doch noch so viel mehr zu tun war als gedacht. Das Buch, das ich am Ende abgegeben habe, ist deutlich anders als das Manuskript, das Grit damals eingekauft hat. Ist es besser? Das hoffe ich.

»Kondorkinder« ist (neben einer Liebeserklärung an Peru) eine Geschichte über das Geschichtenerzählen und auch darüber, wie man es verliert und zurückgewinnt. Und es ist bezeichnend, dass es für mich eben auch genau diese Erfahrung bedeutet: Die monatelange, intensive Arbeit daran (teils mitten in der quälenden Ungewissheit der Pandemie, die da gerade begonnen hatte) markierte meine eigene Rückkehr zum Geschichtenerzählen.

Phantastikpreis für die »Kokis«

Jetzt hat also hat dieses Buch voller Quechua-Begriffe und kulinarischer Ausschweifungen (die Figuren gehen immer essen, wenn sie ratlos sind, und sie sind zugegebenermaßen ziemlich oft ratlos) den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar gewonnen. Auf dem langen, verschlungenen Weg dieser Geschichte ist das eine Station, die ich auf keiner Karte jemals eingezeichnet hatte. Es ist unerwartet und wunderbar und auch, wenn genau das mein Job als Autorin ist, kann ich euch gerade kaum in Worte fassen, wie dankbar und glücklich ich bin.

Ich könnte es sicher versuchen, aber wisst ihr was? Ich mache hier Schluss. Muss dringend nachsehen, ob diese Mail noch da ist …

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