Am 21. und 22. April 2016 fand in Köln das erste Branchentreffen des Phantastik-Autoren-Netzwerks e.V. (PAN) mit Vorträgen und Diskussionsrunden statt – ich berichte zu einigen davon. Mehr Infos zu PAN gibt’s hier!

Für die erste Diskussionsrunde des Branchentreffens hatte man direkt eine Frage gewählt, die dem Verständnis und Selbstverständnis der Phantastik nachspürte: Muss mehr deutsche Phantastik ins Feuilleton?
Dahinter stecken natürlich noch zahlreiche andere Aspekte: Welche Rolle haben Zeitungen und Feuilletonjournalisten? Was bedeutet es für ein Genre, auf dieser Plattform präsent zu sein? Ist die Besprechung im Feuilleton eine Form gesellschaftlicher Anerkennung, die notwendig und hilfreich ist — oder aber vollkommen überflüssig?

Die geladenen Diskussionsteilnehmer konnten das Thema denn auch kontrovers und aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten: Christoph Hardebusch und Bernhard Hennen saßen als Vertreter der Autorenperspektive auf dem Podium, außerdem die vielseitige Karla Paul (Verlagsleitung Edel eBooks, Buchvorstellungen im ARD Mittagsbuffet) und Tilman Strasser vom Literaturhaus Köln. Andrea Diener von FAZ.NET kam die zuweilen etwas undankbare Rolle zu, die Position der Feuilletonjournalisten darzustellen und zu vertreten.

Dass deutsche Phantastik längst nicht in dem Maße im Feuilleton besprochen wird wie andere Genres, darüber herrschte weitgehend Einigkeit. Zum zentralen Streitpunkt wurde aber schnell die Frage nach dem Grund dahinter: Liegt es an mangelndem Interesse der Zeitungen oder an fehlendem Engagement der Verlage und ihrer Presseabteilungen? Wie zu erwarten sah man sich hier jeweils gegenseitig in der Verantwortung.

Muss also mehr Phantastik ins Feuilleton? Sehr rasch kam in der Diskussion die Gegenfrage auf, die durchaus auch aus Autorensicht gestellt wurde: Will man überhaupt ins Feuilleton? Angeführt wurden hier mehrere Aspekte: die schwindende Bedeutung des Feuilletons als Meinungsbildner und Impulsgeber, schrumpfende Auflagengrößen, aber auch die geringen anzunehmenden Überschneidungen zwischen den jeweiligen Zielgruppen. Das Feuilleton sei heute kein verkaufsförderndes Medium mehr, erklärte der im Publikum sitzende Autor Kai Meyer.

Karla Paul: »Phantastik ist doch kein Hardcoreporno«

In diesem Zusammenhang wurde aber auch die Frage nach einem gesellschaftlichen Auftrag der Zeitungen auf den Tisch gebracht. Das Feuilleton präge das Kulturbild des Bildungsbürgertums, führte Bernard Hennen an: »Was drinsteht, ist Kultur.«

Weitergedacht heißt das, dass eine Besprechung phantastischer Werke im Feuilleton vor allem Anerkennung bedeutet, das Zugeständnis von inhaltlichem Anspruch, Tiefgang und gesellschaftlicher Bedeutung. »Es ist ja einfach nicht so, dass Phantastik reine Unterhaltungsliteratur ist«, sagte etwa Karla Paul. Im Feuilleton gehe es doch auch darum, Menschen auf etwas hinzuweisen und Literatur für sie zu entdecken, eben auch abseits bekannter Namen. Sie sprach sich damit für eine stärkere Präsenz deutschsprachiger Phantastik im Feuilleton aus: »Es gibt keinen Grund, keine Ausrede, das nicht zu besprechen.«

Andrea Diener: »Es herrscht eine erstaunliche Freiheit«

Andrea Diener widersprach dem recht energisch. Das Feuilleton sähe sich selbst nicht als Empfehlungsmedium, sondern habe eigene, »sehr chaotische Gesetze«. Eine grundsätzliche Ablehnung der Phantastik oder eine klare Kriterienliste, was besprochen werden dürfe, gäbe es keinesfalls. Sie selbst sei »noch mit keinem Thema gegen irgendwelche Wände gerannt«, probiere durchaus Neues aus und habe zum Beispiel auch schon über den BuCon — den klassischen Treffpunkt der deutschen Phantastikszene — berichtet. »Sowas machen aber einfach viel zu wenige«, räumte sie mit Blick auf ihren Kollegen ein. »Viele bleiben gerne da, wo sie sich auskennen.«

Tilman Strasser: »Spielwiese für Bildungsbürger«

Dieser Aspekt des Auskennens spielte ebenfalls eine Rolle in der Diskussion: Wie viel Substanz hat eine Phantastikbesprechung im Feuilleton, wenn der Besprechende mit der Materie nicht vertraut ist? Würden phantastische Werke denn ebenso tiefgehend besprochen wie andere Spielarten der Literatur oder beispielsweise eher im Sinne einer kulturhistorischen Einordnung? Phantastik als Phänomen, meinte Tilman Strasser, werde im Feuilleton zum Teil schon sehr wohl besprochen.

Autorin Maja Ilisch merkte aus dem Publikum an, es sei zu einfach, die Debatte auf eine vermeintlich ablehnende Haltung des Feuilletons zu reduzieren, denn Vorurteile gäbe es auch umgekehrt. Die Besprechung phantastischer Werke im Feuilleton rufe bei Autoren zuweilen Vorwürfe von Häme und Anbiederei hervor, eben weil man den besprechenden Feuilletonjournalisten nicht die entsprechende Expertise und Branchenkenntnis einräume. Manche Phantastikautoren kokettierten ja auch geradezu mit dem Eigenlabel als »die Augestoßenen auf dem Buchmarkt«. Ein fester Platz im Feuilleton — und damit gleichsam in der Mitte der Gesellschaft — würde einem solchen Selbstverständnis natürlich zutiefst widersprechen.

Christoph Hardebusch: »Gute Sachen sind dann Literatur, die anderen sind Genre«

Ein Impuls aus dem Publikum brachte einen weiteren Aspekt in die Diskussionsrunde: das Labeling. Denn beginnt Phantastik erst da, wo ein entsprechendes Etikett auf geklebt wird? Finden Werke mit eindeutig phantastischen Elementen eher im Feuilleton Beachtung (und vielleicht sogar Wohlwollen), wenn sie nicht unter dem Label Phantastik besprochen werden? Hier käme auch ins Spiel, dass die Unterscheidung zwischen E- und U-Literatur (also »ernsthafter« und »unterhaltender« Literatur) als klar getrennte und nahezu überschneidungsfreie Kategorien im deutschsprachigen Raum oft besonders ausgeprägt scheint.

Christoph Hardebusch verwies in diesem Zusammenhang auf einen Punkt, der auch durchaus als Risiko von Feuilletonbesprechungen gesehen werden könnte. Er habe die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Werke durch ihre Würdigung durch Medien wie das Feuilleton »in den Literaturkanon« erhoben und damit dem Genre gleichsam weggenommen werden würden. Weitergedacht heißt das auch: Wird ein einzelnes phantastisches Werk wohlwollend im Feuilleton besprochen, bedeutet das nicht zwangsläufig eine Aufwertung des gesamten Genres.

Kai Meyer: »Diskussionen werden immer dann unterhaltsam, wenn sie emotional werden«

Neben einer vielseitigen Beleuchtung des Themas gab es auch konkrete Gedankenspiele, wie die Präsenz der Phantastik im Feuilleton aussehen könnte. PAN-Vorstandsmitglied Diana Menschig verwies auf die Krimi-Bestenliste in der ZEIT und schlug die Initiierung einer ähnlichen Bestenliste für Fantasytitel vor; Natalja Schmidt (Droemer Knaur) regte an, nach Vorbild der New York Times eine Plattform für Autoren und andere Branchenkenner zu schaffen.

Eine klare Antwort auf die Titelfrage konnte es am Ende der Diskussion wie zu erwarten nicht geben, dafür aber einiges an interessanten Impulsen, die von den Podiumsgästen ebenso kamen wie aus den Reihen der Zuhörer. Sie zeigten, dass es sehr unterschiedliche Beweggründe gibt, sich eine stärkere Wahrnehmung deutschsprachiger Phantastik im Feuilleton zu wünschen — oder aber sie als entbehrlich zu betrachten, wie es beispielsweise Kai Meyer recht nüchtern tat: »Auf diese Frage kann es nur eine Antwort geben — Ego.«

6 Kommentare

  1. Sehr schöne Zusammenfassung für die Daheimgebliebenen. 🙂 Wie stehst du selbst zu der Frage?
    Muss ja gestehen, dass mein erster Gedanke war: “Wollen wir das Feuilleton nicht eher abschaffen?” Das mag auf den ersten Blick eingeschnappt klingen, ist aber letztlich aus den vielen Punkten geboren, die auch in deinem Bericht auftauchen. (Wobei ich die von Maja angesprochene Koketterie nicht gerade für mich beanspruche.)
    Etwas zynisch finde ich aber die Äußerung, dass sich das Feuilleton nicht als Empfehlungsmedium sieht. Warum machen Buchhändler dann aber fast schon eigene Tische, wenn ein Roman mal quer durch die “renommierten” Zeitungen hinweg hoch gelobt wird? Ich glaube, da klafft eine große Lücke zwischen Selbstwahrnehmung und Rezipientenwahrnehmung. Andererseits scheinen mir aber auch so oder so auf beiden Seiten ein paar Wahrnehmungsschwierigkeiten von sich selbst aber auch vom jeweils anderen zu bestehen.
    Am Ende sollte man das Feuilleton vll. doch nur als eine(!) Platform für Kommunikationspolitik betrachten.

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    • »Wollen wir das Feuilleton nicht eher abschaffen?« Hehe, das tauchte im Prinzip auch in der Diskussion auf. Bzw. meinte, glaube ich, Bernhard Hennen, das Feuilleton arbeite gerade selbst an seiner Abschaffung.

      Wie ich selbst zu der Frage stehe? Guter Punkt. Ich denke, ich fände mehr Phantastik im Feuilleton tatsächlich in dem Sinne wünschenswert, dass das eine Form von Anerkennung wäre: dass man sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auch mit Inhalt und Botschaften phantastischer Literatur auseinandersetzt bzw. ihnen beides zugesteht, anstatt achselzuckend zu sagen »Ist ja nur Fantasy/Phantastik«. Das ist aber letztlich ein Status, den ich mir insgesamt für die Phantastik wünsche, und da ist klar, dass Präsenz im Feuilleton nur ein Aspekt unter vielen sein könnte. Und natürlich bleibt die Frage, von wem man dann diese Anerkennung (so hohles Wort) bekommt und ob man sie von dort überhaupt will. Aber ich denke schon, dass sie grundsätzlich, gesellschaftlich gesehen, eine wünschenswerte Sache ist. Lena Falkenhagen hat dazu gerade getwittert: »Im Feuilleton zu stehen heißt, am kritischen Diskurs teilzunehmen, also: wertvoll für den Austausch zu gelten«, ich denke, das fasst es sehr gut zusammen. Triebkraft hinter der Titelfrage ist vielleicht gar nicht so sehr der Wunsch, im Feuilleton »stattzufinden«, sondern eine Auflehnung gegen die Denkmuster, die hinter der momentanen Abwesenheit stehen. Also etwas sehr Grundsätzliches.

      Es ging in der Diskussion viel darum, dass Feuilleton und Phantastik – vereinfacht gesagt – kaum Überschneidung in den Zielgruppen haben. Das denke ich auch bzw. das sollte man auf jeden Fall im Hinterkopf haben, gleichzeitig halte ich es für möglich, dass Phantastikbesprechungen in diesem Medium neue Leser quasi »abholen« und ins Genre einführen könnten. Was jetzt wiederum nicht bedeutet, dass ich das Feuilleton als Wahnsinnsverkaufsinstrument sehe, denn das ist es sicher nicht. »Plattform für Kommunikationspolitik«, wie von dir vorgeschlagen, gefällt mir da sehr gut.

      Es bleibt natürlich die Frage, auf welche Weise Phantastik dann im Feuilleton platziert würde. Optimalfall wäre mE, dass phantastische Werke von Leuten besprochen werden, die Einblick in die Materie haben, weil solche Besprechungen dann für alle einen Mehrwert schaffen. Das gilt ja für alle anderen Themen genauso – eine gute Besprechung sollte immer auch Kontext schaffen, greifbar machen, inwieweit etwas repräsentativ/innovativ für sein Genre ist, welche Referenzen da sind.

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      • Zitat Sabrina -> Zitat Lena Falkenhagen: “Im Feuilleton zu stehen heißt, am kritischen Diskurs teilzunehmen, also: wertvoll für den Austausch zu gelten“

        Daaaas… Das ist ein Punkt, den ich nicht bedachte habe. Oder zumindest nicht bewusst. “Die Feuilleton-Frage“ ist, in meinen Augen, halt auch immer etwas sehr Menschelndes, etwas (für mich) schwer Greifbares, weil da sehr viele persönliche Befindlichkeiten einfließen. Insofern kann ich dir bei deinen folgenden Ausführungen nur vollstens zustimmen. (Und wie immer sagst du es viel schöner als ich es könnte. 0:) )

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        • »Persönliche Befindlichkeiten« trifft es sehr gut, finde ich. Ich glaube, was die Debatte zu der Frage im Kern auflädt, ist wirklich die Tatsache, dass es jene gibt, die die Frage völlig pragmatisch sehen und jene, die sich auf den Symbolgehalt dahinter konzentrieren, und bei letzterem wird es natürlich rasch emotional. Vielleicht wäre ein Mittelweg zwischen beiden Positionen optimal. Ich halte es für falsch, sich ganz leidenschaftlich an der Feuilletonfrage aufzureiben (die Energie können wir besser ins Schreiben stecken), aber es bleibt legitim, die Frage zu stellen. (Und: Awwww. Danke!)

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  2. Ich denke, das Feuilleton hat von der Phantastik mehr als umgekehrt. Meiner Erfahrung nach hat schon lange ein Medienwechsel stattgefunden. Der Buchmarkt findet woanders seine Entfaltung, jedenfalls kaum mehr in der Tagespresse. Auch gedruckte Literaturmagazine kann man mit der Lupe suchen. Wenn aber, wie es zu hören war, Germanisten nur für andere Germanisten schreiben, dann bewegt man sich nur ein einer Blase – die immer enger wird, wenn man nicht frischen Wind reinlässt. Die Phantastik entspricht einem großen Teil vom Buchmarkt – auch wenn das Etikett nicht immer darauf prangt – und auch im TV breitet sie sich aus. Man muss sich nur Serien wie Game of Thrones, Shannara oder The Man in the High Castle anschauen. Und diese Serien haben durchaus politische und moralische Aussagen, wenn man genau hinsieht. Die Phantastik braucht den Vergleich mit Gegenwartsliteratur nicht zu scheuen, im Gegenteil, bietet sie doch viel mehr Aspekte und Möglichkeiten statt der der Nabelschau, die normalerweise stattfindet. Leider sind die Grenzen in den Köpfen noch fest verankert, (E- und U-Unterhaltung) die ein Andersdenken erschweren. Um die Phantastik am kritischen Diskurs teilhaben zu lassen, wäre eine Behandlung – wie auch immer- wünschenswert. Ansonsten findet er eben ohne die Printmedien seinen Weg. Und diese schaffen sich langsam wirklich selber ab.

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    • Auch Ihnen stimme ich im Grundtenor zu: Es hilft nichts, auf beiden Seiten müssen wohl Vorurteile überwunden werden und man muss sich annähern.
      Ob die Printmedien sich selbst abschaffen, kann ich nicht beurteilen, weil ich idR. nur noch vereinzelt Magazine zu Spezialthemen lese. Oder eben Romane und Sachbücher. Und Comics. Mein erster Gedanke war wohl auch eher polemisch, weil ich aktuell nicht zur Zielgruppe des Feuilletons gehöre. So ein bisschen ein Henne-Ei-Problem. Keine (oder kaum*) Phantastik — wird nicht gelesen; wird nicht gelesen — bringt erst recht keine Phantastik.

      * Wenn ich mich nicht völlig irre, ging seinerzeit The Circle von Dave Eggers durchs Feuilleton, was ich, mehr oder weniger, verfolgt habe. (Hat aber auch nicht geholfen, den Erfolg des Buches zu rechtfertigen, IMHO.)

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  1. Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) – Hannah Brosch - […] Das Treffen, bei dem nicht nur Autoren, sondern auch Lektoren, Verleger, Übersetzer, Blogger, Buchhändler, Wissenschaftler und andere Phantastik-Schaffende zusammenkamen…

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