Am 21. und 22. April 2016 fand in Köln das erste Branchentreffen des Phantastik-Autoren-Netzwerks e.V. (PAN) mit Vorträgen und Diskussionsrunden statt - ich berichte zu einigen davon. Mehr Infos zu PAN gibt's hier!

Zum Ausklang des Branchentreffens luden die Organisatoren zu einer letzten Diskussionsrunde: Wie sehen die Perspektiven der deutschen Phantastik aus? Darüber diskutierten Autor Kai Meyer, Literaturagent Michael Meller, Jugendbuchlektorin Michelle Gyo (cbt) sowie als weitere Verlagsvertreter Natalja Schmidt (Droemer Knaur) und Hannes Riffel (FISCHER Tor).

Am Anfang stand vor allem eine Bestandsaufnahme der deutschen Fantasy-Landschaft — zusammen mit der Frage, was fehlte. »Wir haben keine politische Fantasy in diesem Land«, konstatierte etwa Michael Meller. Seiner Meinung nach fuße die Fantasy derzeit vor allem auf drei Säulen: Rollenspiel, Tolkien und George R.R. Martin. Da gelte es neue Wege zu finden.  Man habe in den vergangenen Jahrzehnten keine eigene Tradition aufgebaut. Die Zukunft, sagte er, sei da — die Frage sei nur, wie sie genutzt werde.

Ju Honisch: »Verlage wollen oft gar nichts Neues«

Dass es mit dem Ruf nach neuen Ideen allein nicht getan ist, zeigte sich sehr rasch auch aus Autorensicht. Aus dem Publikum meldete sich Ju Honisch zu Wort und beschrieb ihre Erfahrungen: Verlage seien oft gar nicht an Neuem interessiert. Auch Kai Meyer räumte ein, es sei oft eher den etablierten Autoren vorbehalten, etwas Neues auszuprobieren.

Hannes Riffel: »Deutschsprachige Leser sind total konservativ«

Natalja Schmidt führte im Gegenzug die Position der Verlage stärker aus. »Verlage agieren nicht im luftleeren Raum«, sagte sie. Verkäuflichkeit sei ein Kriterium. Letztlich seien es eben auch die Leser, die darüber entschieden, ob sie das »wirklich Neue« tatsächlich wollten.

Hannes Riffel setzte hinzu: »Wenn mich jemand für ein Buch begeistert, dann mache ich jedes Genre.« Allerdings fand auch er sehr bodenständige Worte. »Hardcoreleser«, die Neues und Ausgefallenes besonders zu schätzen wüssten und vehement einforderten, seien eine kleine Gruppe. Aus Verlagssicht gelte deshalb: »Wir brauchen Bücher, die Gelegenheitsleser erreichen — und da kommen wir immer wieder zu der Feststellung, dass deutschsprachige Leser total konservativ sind.«

Michael Meller: »Kleine Verlage sind nicht zu unterschätzen«

Michael Meller beobachtete aus Agentensicht hingegen sehr wohl einen Umbruch. Gerade auf dem Gebiet der Science-Fiction gäbe es Experimente, sagte er: »Verlage sind nicht ganz so stur.« Auch lobte er kleine Verlage als Neues wagende Impulsgeber.

Werbung allein mache keinen Bestseller, führte er weiterhin aus. Bücher verkauften sich nach wie vor besonders dank Mundpropaganda, »weil immer mehr Leute davon gehört haben, dass man das lesen sollte«.
Er zweifelte auch an der Wirksamkeit von Buchcovern: »Es spielt überhaupt keine Rolle, was auf dem blöden Umschlag drauf ist.«
Hier widersprach allerdings ein im Publikum anwesender Buchhändler: »Viele Käufer entscheiden in den ersten zwei Sekunden: Cover gut, kauf ich.«

Natalja Schmidt: »Keine Angst vor spitzen Ohren«

Aus dem Publikum heraus angesprochen wurde auch die Frage von Genre-Labels. Eine Bloggerin äußerte, nach ihrer Beobachtung habe sich zwar Steampunk als Label nicht bei den Verlagen etabliert, sie finde aber dennoch zahlreiche Bücher, in denen klare Steampunkelemente eine Rolle spielten.

Berührungsängste mit dem Phantastischen? Für Hannes Riffel sind sie größtenteils überwunden: »Die Phantastik ist endlich in der Allgemeinheit angekommen.« Daraus folge auch eine größere Zugänglichkeit des Genres — Herausforderung für Autoren.

Auch Natalja Schmidt beobachtete mehr Anerkennung für die Phantastik. Man könne den Leuten klarmachen: »Du musst keine Angst haben vor spitzen Ohren.« Es gebe in Phantastik wie in Science-Fiction auch interessante Stoffe jenseits bekannter Tropes.

Kai Meyer: »Ich mache seit Jahren genau das, worauf ich Lust habe«

Gibt es also ein Alleinstellungsmerkmal deutscher Phantastik? Eine ganz eigene Stimme? Diese Frage wurde lebhaft diskutiert, diverse Namen ins Feld geführt — Michael Ende, Walter Moers, Wolfgang Hohlbein. »Als ich Anfang der 90er begann, professionell zu schreiben«, erinnerte sich etwa Kai Meyer, »da sagten die Verlage: Fantasy darf nur Hohlbein.« Er fände es eine spannende Frage, ob und wie sich das Phänomen Hohlbein erklären lasse.

Michael Meller: »Was ist denn mit Cornelia Funke?«
Zwischenruf aus dem Publikum: »Die ist jetzt in Amerika!«

Wohin aber wird die Reise nun in Zukunft gehen? An konkrete Prognosen wollte sich keiner der Beteiligten so recht wagen. »Es gibt keine Möglichkeit zu sagen, ›ich weiß, das wird erfolgreich‹«, erklärte Natalja Schmidt.

Für Kai Meyer steckt das Geheimnis des Erfolgs letztlich darin, genau die Geschichten zu erzählen, die man erzählen will. Er wisse das von sich, aber auch von Autorenkollegen wie Bernhard Hennen oder Markus Heitz: Sie hätten immer genau die Bücher geschrieben, die sie wirklich schreiben wollten. Markus Heitz habe etwa »einfach Bock auf Zwerge«.

Und auch Michael Meller betonte die Wichtigkeit einer eigenen Stimme: »Es muss die Phantasie bei den Autoren wieder geweckt werden, nicht die Nachahmungskraft.«

Als die Diskussionsteilnehmer abschließend gebeten wurden, die Zukunft der deutschen Phantastik in drei Worten zu beschreiben, fiel das Meller entsprechend leicht: »Ein gutes Manuskript.«

Noch etwas schwungvoller fiel das aus, was Natalja Schmidt als Brainstormingergebnis ihres Verlagsteams präsentierte. Die Zukunft der deutschen Phantastik in drei Worten? »Das wird geil.«

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